Jugendlicher mit Büchern

Beiträge zur Leseförderung in der Jugendarbeit

Perspektiven und Experten

Um Lesefreude bei Kindern und Jugendlichen zu wecken und den Spaß am Lesen lebendig zu halten, bedarf es zeitgemäßer Methoden und außergewöhnlicher Ansätze in der Leseförderung. Die außerschulische Jugendarbeit bietet einen idealen Raum, um neue Ideen auszuprobieren und innovative Perspektiven einzunehmen.

In den Beiträgen zur Leseförderung in der Jugendarbeit kommen Wissenschaftler und Experten zu Wort, die unterschiedliche Aspekte und Wege der Leseförderung beleuchten und vor dem Hintergrund der schulischen und außerschulischen Bildung diskutieren. 

28.11.2017

Miriam Holstein: Film und Lesen

Visual Literacy und Leseförderung

Film ©Fotolia

Jugendliche haben eine besondere Affinität zum Medium Film, es ist eines ihrer zentralen Leitmedien. Via Smartphone über Portale wie YouTube oder Netflix sind Filme und Videos in ihrem Leben allzeit und überall präsent. Sie setzen Themen, sind wichtige Trendsetter und beeinflussen die Kommunikation der Jugendlichen untereinander maßgeblich. Und auch der eigene produktive Umgang mit dem Medium Film gehört zum Alltag vieler Jugendlicher: Noch nie war es so einfach, selbst Videos zu drehen. Kein Smartphone, das nicht mit einer Kamera ausgestattet ist, und Apps zum Schneiden und Montieren von Filmen sind leicht zugänglich.


Wie die aktuelle JIM-Studie (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2016) zeigt, beschäftigt sich jeder zweite Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren täglich mit Online-Videos. Drei Viertel der Jugendlichen sehen sich regelmäßig Videos auf dem Smartphone an und drei Fünftel schauen Filme oder Videos bei Streaming-Diensten. Für 27 Prozent stehen das Anschauen von DVDs oder aufgezeichneten Filmen oder Serien mindestens mehrmals pro Woche auf dem Programm.


Die sogenannte „Visual Literacy“ ist daher ein integraler Bestandteil von Medienkompetenz. Darunter versteht man die Fähigkeit, Bilder lesen zu können und ihre Bedeutung zu erschließen. Sie kann mit Fotografien oder Bilderbüchern geschult werden, in besonderem Maße aber durch das Sehen von Filmen und den produktiven Umgang mit dem Medium.


Die große Attraktivität von Filmen und Videos für Jugendliche bietet ein großes Potenzial für die Leseförderung. Denn die Beschäftigung mit Büchern und Filmen lässt sich auf vielfältige Weise in Projekten miteinander kombinieren und beide Medien befruchten sich wechselseitig.


Zuallererst sind Filme in besonderem Maße in der Lage, Lesemotivation zu wecken. Ist es über einen Film gelungen, das Interesse an einem bestimmten Stoff oder Thema zu wecken, erhöht das die Bereitschaft, zu einem Buch zum Thema zu greifen, um dort Bekanntes wiederzuentdecken, zu vertiefen oder weiterzuverfolgen. So schaffen es bspw. Bücher über Film-Phänomene wie „StarWars“, auch bei lesefernen Jugendlichen die Hürde zum Buch abzubauen und Lust aufs Lesen zu machen.


Es zeigt sich, dass Jugendliche verstärkt zu Büchern greifen, die auch verfilmt wurden oder auf Filmen basieren. Zu den meistgelesenen Büchern der Altersgruppe gehören Titel der Reihen „Harry Potter“, „Gregs Tagebuch“ und „Die Tribute von Panem“ sowie der Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“.
Wenn Leselust über Filme erst einmal geweckt wurde, ist es nicht nur spannend, sondern auch sehr lehrreich, Unterschiede zwischen Buch und Film zu erforschen. Darüber wird das genaue Hinsehen geschult, die Fähigkeit zum tatsächlichen Lesen der Bilder, aber auch die genaue Textwahrnehmung. Das Entdecken der charakteristischen Unterschiede von filmischem und literarischem Erzählen fördert das Verständnis beider Medien.


Zudem lassen sich Film und Buch auch in spielerischen und gestalterischen Projekten hervorragend miteinander kombinieren und bieten zahlreiche Möglichkeiten zum Vertiefen von Medienkompetenz. In handlungsorientierten Projekten können Jugendliche filmische Gestaltungsmittel kennenlernen. Indem sie bei der Produktion eines Kurzfilms in die Rolle von Schauspieler, Kameramann oder Drehbuchautor schlüpfen, werden sie Filme künftig auch anders rezipieren. Stoffe und Geschichten aus Büchern bieten dabei hervorragende Ansatzpunkte für eigene filmische Projekte. Vom Drehen einer Buchrezensionen als Vlog-Beitrag bis zur Verfilmung einzelner Szenen oder ganz neuer Abenteuer der Protagonisten. Andersherum bieten Filme natürlich vielfältige Anlässe für produktive Textarbeit. Sie erzählen Geschichten, die sich fortschreiben lassen, ihre Charaktere bieten Inspiration für eigene Texte, im Setting des Lieblingsfilms könnten andere Figuren ganz neue Abenteuer erleben und Vieles mehr.


Die mediendidaktischen Möglichkeiten, zwischen Filmen und Büchern eine Brücke zu schlagen, sowie die Attraktivität des Leitmediums Film für Jugendlich bilden die Grundlage dafür, dass Schulkampagnen mit fächerübergreifenden Unterrichtsvorschlägen und Lesetipps zu aktuellen Kinofilmen einen festen Bestandteil des Projektspektrums der Stiftung Lesen darstellen. Unter www.derlehrerclub.de/filmbildung gibt es vielfältige Unterrichtsmaterialien zu Filmen, die mittlerweile natürlich auch auf DVD vorliegen.

Miriam Holstein betreute viele Jahre den Schwerpunkt Filmbildung bei der Stiftung Lesen. Seit 2015 ist sie als freiberufliche Autorin, Redakteurin und Projektmanagerin tätig.

04.07.2017

Dr. Steffen Gailberger: Hip Hop als Leseförderung

Hip Hop ©Stiftung Lesen

Die Forschung ist sich einig: Leseförderung muss auf mehreren Ebenen betrieben werden, damit sie auch wirksam werden kann. Hierzu gehören beispielsweise eine ausreichende Motivation und lernbegleitende positive Emotionen wie Spaß, (Vor)Freude oder Stolz (auf der sogenannten Subjektebene des Lesens) sowie eine eben von solchen Emotionen abhängige Aufwertung des Lesens in Schule und Freizeit (auf der sogenannten sozialen Ebene des Lesens). Gelingt es uns, eine solche Verbindung herzustellen, ist schließlich der Weg dafür bereitet, auch das Lesen an sich (auf der sogenannten Prozessebene) zu fördern.


Eine ‚reine‘ Förderung ausschließlich auf der kognitiven Prozessebene des Lesens kann und wird nicht gelingen. (vgl. Gailberger 2011; Rosebrock/Nix 2008)

Besteht nun der Plan, mithilfe von Hip Hop Leseförderung zu betreiben, kann das Lesen auf allen drei oben genannten Ebenen gefördert werden, was Hip Hop somit zu einem Fördermedium macht, dem vielleicht noch viel mehr Beachtung geschenkt werden sollte.

Eine auf Hip Hop gestützte Leseförderung (wie sie hier skizziert werden soll) stellt einen Mix aus sogenannten begleitenden und wiederholenden Lautleseverfahren dar, mit denen vor allem die Leseflüssigkeit schwach lesender Kinder und Jugendlicher gefördert werden kann. (vgl. Gailberger/Nix 2013, S. 57f.)

Leseförderung mit Hip Hop eignet sich sowohl für Grundschüler, besser aber noch für Jugendliche der Sekundarstufe. Je nach Altersstufe ist also darauf zu achten, mit welchen Texten gearbeitet werden soll, d.h. welche Künstler dazu ausgewählt werden können. Es soll hier für eine Auswahl von deutschen Hip Hop-Texten jenseits von Rappern wie Bushido oder Haftbefehl plädiert werden, d.h. also jenseits von Vertretern eines Hip Hops, der sich systematisch homophober, chauvinistischer und/oder fremdenfeindlicher Klischees bedient. Allerdings ist mir bewusst, dass ehemalige Skandalrapper wie etwa die Kunstfigur Sido innerhalb von (v.a. jüngeren) Lehrerkollegien mittlerweile wohlwollen kontrovers diskutiert werden. Meine Vorschläge zur Arbeit mit diesem Musik-Genre gehen allerdings in die Richtung quasi ‚zeitloser‘ Hip Hop-Bands wie Fettes Brot, Die Fantastischen Vier, Die Absoluten Beginner, Freundeskreis, Jazzkantine, Deichkind etc. Aber auch die Arbeit mit aktuell erfolgreichen Bands wie Deine Freuden, deren Zielgruppe Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 14 Jahren sind, bietet sich vorzüglich an.

Der Ablauf einer Leseförderung mithilfe von Hip Hop gestaltet sich in sechs Schritten:
Schritt 1: Einteilung der Schülerinnen und Schüler in Dreier-Gruppen. Bei Wunsch können sich die Gruppen einen ansprechenden Namen geben (z.B. Die rappenden Deppen o.ä.). Danach erfolgt die Wahl des ersten Songs aus einem allen Kindern und Jugendlichen bekannten Pool möglicher Stücke.

Schritt 2: Anschauen des dazugehörenden Videos über die einschlägigen Videoportale (YouTube o.ä.). Dazu nötig sind ein Beamer oder ein interaktives Whiteboard inklusive Rechner, Tablet oder Smartphone mit Internetzugang sowie gute Boxen für das Anhören des Songs. Mehr und mehr Kinder und Jugendliche besitzen ein internetfähiges Smartphone, so dass im Sinne der individualisierenden Binnendifferenzierung das gemeinschaftliche Ritual auch entfallen bzw. individualisiert werden könnte.

Schritt 3: Erste Begegnung mit dem schriftlichen Text und Förderung der Leseflüssigkeit durch das Prinzip der Wiederholung, indem jedes Gruppenmitglied eine Strophe des Songs übernimmt und diese so lange wiederholend (leise für sich) liest, bis sie geläufig laut vorgelesen werden kann.

Schritt 4: Tausch der Strophen innerhalb der Gruppen nach dem Rotationsprinzip, bis alle mit allen Strophen geübt haben und diese nun geläufig vorlesen können.

Schritt 5: Abschluss der ersten Runde durch gemeinsames (chorisches) Lesen in der Gruppe oder durch freiwilliges Vorlesen einzelner Mitglieder.

Schritt 6 ff.: Neustart mit der Wahl des nächsten Songs. Anschließend wiederholen sich die Schritte 1 bis 6, so lange die Förderung betrieben werden soll. 

Unabhängig vom Genre Hip Hop, sollten Leseflüssigkeitsprojekte grundsätzlich mindestens drei, besser noch sechs bis acht Wochen durchgeführt und dabei drei bis vier Mal die Woche für 20 Minuten wiederholt werden. Ist dies organisatorisch möglich, können durch ein solches Projekt signifikante Verbesserungen der Kinder und Jugendliche auf allen drei Ebenen des Lesens erwartet werden.

Literatur:
Gailberger, S. (2011): Lesen durch Hören. Leseförderung in der Sek. 1 mit Hörbüchern und neuen Lesestrategien. Weinheim und Basel: Beltz.

Gailberger, S./ Nix, D. (2013): Lesen und Leseförderung in der Primar- und Sekundarstufe 1. In: Gailberger, S./ Wietzke, F. (Hrsg.): Handbuch kompetenzorientierter Deutschunterricht. Weinheim und Basel: Beltz, S. 32-69.

Rosebrock, C./ Nix, D. (2008): Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen Leseförderung. Baltmannsweiler: Schneider.

28.11.2016

Claudia Berghorn: WortSchatzCaching macht Leseförderung als Schatzssuche erlebbar

Wortschatzcaching ©Claudia Berghorn

Je besser Projekte zur Leseförderung auf die Interessen und Lebenswelt ihrer Adressaten abgestimmt sind, desto größer sind ihre Aussichten auf Erfolg. Wie also kann Leseförderung für Jugendliche aussehen, die höchst technik-affin sind, aber wenig Motivation zeigen, sich mit Literatur zu beschäftigen?
Eine mögliche Antwort darauf bietet nun eine neue Methode, genannt WortSchatzCaching. Die Idee: Unter Einsatz moderner GPS-Technologie wird die Beschäftigung mit Sprache, Literatur und Kommunikation als innovative Schatzsuche gestaltet.


WortSchatzCaching basiert auf dem immer beliebter werdenden Geocaching – einer „Schatzsuche“, die GPS-Koordinaten verwendet (siehe www.geocaching.com). Der Spaßfaktor erschließt sich dabei aus dem uralten Spiel des Suchens und Findens in Kombination mit dem Reiz innovativer Technologie.
Diesen Ansatz macht das WortSchatzCaching für die Leseförderung nutzbar, indem es dem Geocaching eine inhaltliche Ebene hinzufügt: Die Schätze, die es zu finden gilt, sind Schätze aus unserer Sprache und Literatur! So kann z.B. im Rahmen der außerschulischen Bildungsarbeit die Tradition des literarischen Stadtrundgangs mit WortSchatzCaching neu belebt und als GPS-gestützte Schnitzeljagd gestaltet werden: Die Teilnehmenden erkunden die literarische Topografie ihrer Umgebung, indem sie sich über Orte informieren, die einen Bezug zur Textproduktion und –rezeption haben – z.B. Bibliotheken und Buchhandlungen, Redaktionen und Wohnorte von AutorInnen. Dann ermitteln sie die geografischen Koordinaten dieser Literatur-Orte und gestalten zielgruppengerechte „Schatzsuchen“. Als sehr lohnenswert können sich dabei Kooperationen mit dem Stadtmarketing und mit den ortsansässigen Unternehmen aus der „schreibenden Zunft“ erweisen, die bei dieser Schnitzeljagd angesteuert werden.


Durch die Verwendung von GPS-Daten erhält die Leseförderung mit GPS-Daten eine dezidiert geografische Komponente. Daher eignet sich diese Methode auch als praktischer Einstieg in die Lektüre von Sachtexten und Literatur rund um Themen wie die Entdeckung und Kartografierung der Welt, um Heimat und „Selbst-Verortung“ sowie geografische Aspekte der Literaturproduktion und Rezeption – bis hin zu der Frage, wo und warum im Dritten Reich Bücher verbrannt wurden oder auch heute noch Literaturschaffende verfolgt werden. Auch Grenzen und Grenzerfahrungen sind in der Literatur vielfach bearbeitet worden, z.B. als „Heldenreisen“ – Geschichten, die im Rahmen von WortSchatzCaching-Projekten neu entdeckt werden können. Darüber hinaus eröffnet die Methode vielfältige Möglichkeiten der Reflexion und kreativen Exploration von Sprache und Kommunikation im Allgemeinen. Zum Abschluss der Projekte kann die GPS-Technologie wieder genutzt werden, um die Arbeitsergebnisse der Teilnehmenden zu dokumentieren und zu „teilen“, d.h. nach Vorbild des Geocaching auch für andere zugänglich zu machen.


Nicht nur inhaltlich, sondern auch praktisch können WortSchatzCaching-Projekte sehr flexibel und individuell auf die Interessen der Zielgruppe und auf vorhandene Ressourcen abgestimmt werden. Die Kosten sind gering, da GPS-Geräte inzwischen bei vielen Outdoor-Ausstattern auszuleihen sind oder alternativ kostenlose Smartphone-Apps genutzt werden können. Um die Sicherheit der Teilnehmenden zu gewährleisten („Kopf-unten-Effekt!“) empfiehlt sich ein Mindestalter von zwölf Jahren und eine räumliche Begrenzung auf Fußgängerzonen.


Bei ersten Projekten in Münster und Berlin hat sich die Idee des WortSchatzCachings bereits bewährt. Die Internetseite www.wortschatzcaching.de bietet Informationen rund um das Konzept, die bald auch als Download zur Verfügung stehen werden. Hier sollen zukünftig auch weitere Best-Practice-Beispiele dokumentiert werden.“


Claudia Berghorn hat Englische Literaturwissenschaft studiert und arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als Kommunikationsfachfrau und Ideenentwicklerin in Werbung, PR und Öffentlichkeitsarbeit. Im Jahr 2011 gründete sie ihre Schreibschule, die WunderWorteWerkstatt, und gab kürzlich eine erste Anthologie mit biografischen Texten heraus, die in ihren Kursen entstanden sind. Claudia Berghorn erhielt für das Konzept „WortSchatzCaching“ den „Deutschen Lesepreis 2014“ der Stiftung Lesen und der Commerzbank-Stiftung in der Kategorie „Ideen für morgen“. Sie lebt mit ihrer Familie in Münster.

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